Königskind

( © 2015 by Rike Dietz)

 

Ich wurde in ein Land geboren zu dem ich nicht gehöre und doch ist es das Land in dem ich lebe. Hier zählt nur der, der Leistung bringt. Nur der, der hart arbeitet hat Erfolg und verdient das Lob und die Anerkennung der Bewohner. Liebe und Wertschätzung haben hier keinen Raum. Die Menschen dieses Landes drehen sich um sich selbst, da niemand für den anderen sorgt und jeder sich nur um sich selbst kümmert. Wichtig sind nur Äußerlichkeiten, Reichtümer und Erfolg. Denn wer viele Neider hat verdient eine gute Stellung in ihrer Gesellschaft.

Doch fühle ich mit den Bewohnern, da auch ihre Herkunft und Bestimmung ursprünglich eine andere ist. Auch sie wurden nicht für diese Welt erschaffen und auch ihre Bestimmung ist weitaus größer als sie denken. Nur erkennen es die meisten nicht. Sie werden unterdrückt, gefoltert und gepeinigt. Ihr Leben ist bestimmt von Angst und Schmerz. Der Herrscher der jene Welt regiert ist grausam und unbarmherzig. Er trägt den Namen Habgier und dort wo er wütet verbreitet Angst, Gewalt, Hunger und Krieg. Sein größtes Anliegen und seine stärkste Begierde ist die Zeit seiner Untertanen. Überall im Land stiehlt er den Menschen ihre Zeit und das durch große List. Ständig erhöht er die Leistungsanforderungen der Arbeiter und beschallt sie mit betörendem Lärm. Er nimmt ihnen die Ruhe und die Stille, denn da wo Menschen ausruhen und dort wo Stille herrscht ist Zeit.

Sogar im Schlaf lässt er ihnen keine Ruhe und stielt ihnen ihre Träume, da Träume für die Habgier eine starke Bedrohung sind. Schließlich bedeuten Träume Hoffnung und sie stärken den Glauben an sich selbst und das Gute. Und da wo Hoffnung und Glaube wachsen muss die Angst weichen.

Auch ich habe lange unter seiner Herrschaft gelebt und mich ihr untergeordnet.

Doch eines Tages lief ich getrieben von Angst und Schmerz in die Einsamkeit und Dunkelheit meines kleinen Zimmers. Ich konnte die Last, welche auf mir lag nicht länger ertragen und so sackte ich, kraftlos und ausgebrannt , auf dem kalten Boden zusammen. Das erste Mal in meinem Leben war es absolut still um mich.

So lag ich dort und wurde fast erdrückt von der Schwere die auf mir zu liegen schien. Mein Atem war flach und ich konnte mich kaum regen. Jeder Versuch mich zu befreien scheiterte, da mich alle Kraft –so schien es – verlassen hatte. Ich gab auf. Es machte für mich keinen Sinn zu kämpfen. Wofür auch?!

Doch plötzlich hörte ich in der Stille eine Stimme: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein Kind.“ Dann wurde es wieder still. Ich rührte mich nicht.

Da erklang die Stimme erneut: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein Kind.“ Wieder Stille. Wieder reagierte ich nicht. Wurde ich jetzt verrückt? Ich hatte schon von Leuten gehört die Stimmen hörten.

Der Vorgang wiederholte sich weitere drei Male. Ich wuste nicht wie mir geschah und konnte das alles nicht begreifen. Was geschah hier mit mir? Angst stieg in mir hoch und ich flüsterte mit dem letzten Häufchen Mut in mir: „Wer bist du?“ Und die Stimme antwortete mit sanftem Klang: „ Ich habe dich bei meinem Namen gerufen. Du bist mein Kind.“

Während sie sprach wurde es plötzlich hell um mich und von der Richtung aus der die Stimme zu mir gesprochen hatte erstrahlte ein helles Licht. So rein und so schön wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte.

Ich musste mich abwenden, da meine Augen brannten, weil sie die kraftvollen Strahlen nicht lange ertragen konnten. So schaute ich auf mich und begann plötzlich mich zu schämen. Ich fühlte mich nackt. Ich sah an meinen Armen herunter über meinen Bauch und zu meinen Beinen und Füßen. Mein Körper war übersäht von Schmutz und Narben. An manchen Stellen verheilten sie nicht oder platzten immer wieder auf. Die Narben brannten in dem Licht und ich konnte den Schmerz kaum noch ertragen. Nie zuvor hatte ich mich so betrachtet. Im Schatten und in der Dunkelheit sah ich die Narben kaum und verdrängte oft ihre Existenz . Doch jetzt konnte ich mich nicht abwenden und das Gefühl der Scharm wurde immer unerträglicher .

„Was willst du von mir? Verschwinde!“ schrie ich laut in die Richtung aus der ich die Stimme vermutete .

„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein geliebtes Kind und ich werde dich nicht verlassen!“  Das erste Mal hörte ich wirklich hin und fing an zu begreifen was diese warme und sanfte Stimme zu mir sagte. Die Narben hörten auf zu brennen und ich hatte beinah das Gefühl Kraft zu haben. So versuchte ich mich aufzurichten. Doch meine Beine waren zu schwach um mich zu halten. Sie gaben nach und ich fiel. Doch plötzlich wurde ich abgefangen. Jemand stand hinter mir und stützte mich. Richtete mich wieder auf.

„Wer bist du?“ versuchte ich es ein weiteres Mal. „Habe ich dir nicht bereits gesagt wer ich bin!“ sagte die Person hinter mir. „Naja“ fing ich vorsichtig an „ Du sagst mir eigentlich eher wer ich bin , beziehungsweise, was du meinst wer ich bin.“ Die Person schmunzelte und ihr Griff wurde stärker jedoch ohne mir dabei wehzutun und sagte „ Du bist mein geliebtes Kind! Ich bin dein Gott, der gekommen ist um dich zu heilen und dir ein neues Gewand zu schenken. Ich will dich von aller Schuld befreien und deine Last auf mich nehmen.“

Als ich diese Worte hörte überkam mich ein Schauer und ich begann bitterlich zu weinen. Ein Bruchteil dessen was dieser Gott sagte erreichte in diesem Moment mein Herz und ich wollte nie mehr wieder diese Umarmung verlassen. Denn das erste Mal in meinem Leben fühlte ich etwas wie Geborgenheit und Sicherheit. Die Gewissheit, dass da jemand war der für mich einstand.

„Wie“ brach es aus mir hervor.

„Indem du glaubst“

„Was soll ich glauben?“ platzte es aus mir heraus.

Da erklärte Gott mit liebevoller Stimme „Indem du an mich glaubst. Daran, dass ich gekommen bin um dich zu befreien. Daran, dass ich dich wirklich und ganz ohne Bedingungen liebe. Und daran dass du mein Kind bist. Du bist erwählt!“

„Ich möchte glauben!“

Und so fing mein Leben an. Gott zeigte mir meine wahre Herkunft und Bestimmung er zeigte mir sein Land und mein wahres Zuhause. In das ich einst einkehren werde. Und doch ist meine Zeit in dieser Welt noch nicht vorbei. Den ich bin eine Abgesandte des Königs, und sein geliebtes Kind. Welches die Ehre hat Ihn auf dieser Welt zu repräsentieren. Doch einst werde ich einkehren in das Land meiner Herkunft, welches den Namen EWIGKEIT trägt. Auch jetzt schon trage ich ein Stück meines Zuhauses in diese Welt.